Die vornehmste und ehrenvollste Aufgabe, die uns das Leben auferlegt, ist das Heranziehen der nächsten Generation.
Und genau dieser Aufgabe hatte ich mich an dem Tag, als ich Kindergärtnerin wurde, mit Leib und Seele verschrieben.
Diese Entscheidung lag nun fast zwei Jahre zurück. Zwei Jahre und nie - auch nur eine Sekunde lang - hatte ich diesen Entschluss in irgendeiner Weise bereut. Selbstverständlich gab es in dieser Zeit auch den ein, oder anderen schwachen Moment. Einen Moment an dem ich mich einfach hilflos fühlte und am liebsten alles wieder hingeschmissen hätte. Im Normalfall währten diese Augenblicke jedoch nicht länger als einige Minuten, da mich meine Kleinen mittels so einfacher und unbewusster Gesten, wie einem Lächeln, immer wieder daran erinnerten warum ich diesen Beruf überhaupt ergriffen hatte: Weil ich Kinder liebte.
Allerdings nicht weil sie so niedlich sind, oder sagen wir nicht nur. Viel mehr waren Kinder meine Zuflucht aus einer Welt die nur aus Lügen und Intrigen aufgebaut ist, einer Welt aus Gier und Leuten, die stets darauf aus sind aus einer Situation den größtmöglichen Vorteil für sich selbst zu ziehen - der Welt der Erwachsenen. Kinder sind rein … unschuldig und sie tragen ihr Herz auf der Zunge. Nie verspürte ich in ihrer Gegenwart den Drang das Gesagte oder ihre Motive für ihr Handeln zu hinterfragen.
Gerade aus diesen Gründen ist es, meiner Meinung nach, so unverzeihlich, wenn man diesen Wesen auch nur das kleinste, bisschen Leid zufügte. Vor allem, wenn es sich bei solch einem Wesen um ein so wunderbares und zart beseeltes Mädchen, wie die kleine Grace handelt.
Gracie war nicht nur das klügste und höflichste Kind, welches ich je getroffen hatte, sondern bei weitem auch das Hübscheste. Sie war etwas kleiner und zarter, als die meisten Vierjährigen hier im Kindergarten, wodurch sie auf einen noch verletzlicher wirkte, als ohnehin schon. Ihre Haut war blass - für einen Einwohner Seattles war das allerdings nicht sehr ungewöhnlich, da sich die Sonne hier nur relativ selten zeigte - ihre hohen Wangen jedoch waren von einem lieblichen Rosé-Ton überzogen. Ihr Haar, das ihr in wundervollen Locken bis zur Taille floss, war kastanienbraun. Im Sonnenlicht hatte es allerdings einen deutlich sichtbaren Bronze-Stich. Doch das Faszinierendste an ihr waren ihre großen, von endlos langen und dichten Wimpern umrandeten, stechend grünen Augen, die es einem beinahe unmöglich machten den Blick von ihnen abzuwenden.
Es war einfach undenkbar ihr nicht zu verfallen. Mich hatte sie schon beim ersten „Hallo“ um ihren kleinen Finger gewickelt und das, obwohl ich mir am Anfang meiner Karriere verboten hatte jemals einen meiner Schützlinge zu bevorzugen. Zu meiner Verteidigung hatte ich lediglich zu sagen, dass ich gegen ihre kleinen Tricks einfach keine Chance gehabt hatte. Ein bisschen Trost spendete mir die Tatsache, dass ich wahrscheinlich nur eines ihrer vielen Opfer war.
Ihre Mutter, Tanya Denali - Cullen, zählte allem Anschein nach nicht zu dieser Gruppe, denn diese gab sich im Umgang mit ihrer Tochter unnahbar und kalt. Selbst mir gegenüber, einer fast komplett fremden Person, schlug sie wärmere Töne an.
„Miss Swan“, hörte ich ihre Stimme sagen. Ich drehte mich um und wie immer überkam mich eine kleine Spur von Neid, als ich Mrs. Cullen sah. Sie war einfach die Personifizierung von Schönheit. Ihr makelloses Gesicht, mit den vollen, rosigen Lippen, der perfekten Nase und den atemberaubend schönen, jadegrünen Augen, wurde von langem, leicht gewelltem, erdbeerblondem Haar umrahmt. Figurmäßig würde ich spontan auf die Maße 90 - 60 - 90 tippen. Wie schon gesagt, Personifizierung von Schönheit.
„Guten Morgen, Mrs. Cullen“, grüßte ich sie gewohnt höflich, denn mit ihren beängstigenden 182 Zentimetern rangierte die kühle Blondine auf meiner Liste mit Leuten, mit denen ich mich nicht unbedingt anlegen wollte, ganz oben.
Sie schenkte mir ein höfliches Lächeln, welches jedoch augenblicklich wieder aus ihrem Gesicht verschwand, als ihr Blick nach unten zu ihrer Tochter glitt. Stattdessen zog sie eine ihrer perfekt gezupften Brauen in die Höhe „Willst du Miss Swan nicht auch grüßen, Grace?“, erkundigte sie sich mit einem drohenden Unterton in der Stimme.
„Guten Morgen, Miss Swan“, grüßte sie mich sogleich mit zaghafter Stimme. So war sie immer in Gegenwart ihrer Mutter: schüchtern, verschlossen und unsicher - ich hasste es.
Ich war ein sehr friedvoller Mensch. Es benötigte schon einiges, um mich aus der Haut fahren zu lassen, doch diese Frau schaffte es, mit einem einzigen kühlen Blick oder einer abweisenden Geste gegenüber Gracie, mich auf 180 zu bringen. Es kostete mich wirklich all meine Kraft Tanya nicht an ihren Schultern zu packen und sie kräftig durchzuschütteln. In der Hoffnung, sie würde sich endlich besinnen und ihrer Tochter zu guter Letzt doch die Liebe und Zuneigung entgegenbringen, die sie so dringend brauchte und verdiente.
Ich ging in die Knie, um auf Augenhöhe mit ihr zu sprechen. „Auch dir einen guten Morgen, Grace.“, begrüßte ich sie freundlich zurück. Ich schenkte ihr ein warmes Lächeln, das sie nur sehr zögerlich erwiderte. Ihre Augen jedoch blieben davon unberührt und zeigten noch immer die Trauer, die sie wahrscheinlich in sich fühlte. Und das war der Tropfen, der das Fass bei mir zum überlaufen gebracht hatte. Etwas musste sich ändern - sofort!
„Gracie, warum gehst du nicht schon mal rein und lässt mich kurz mit deiner Mom reden?“, schlug ich ihr vor, da ich dieses Gespräch nicht vor ihren Augen halten wollte.
Sie nickte kurz, verabschiedete sich von Tanya mit einem „Bye, Mommy.“ und ging dann, wie ihr gesagt, in den Aufenthaltsraum unserer Gruppe. Auf ihre Verabschiedung hatte Tanya lediglich mit einem genervten Seufzen reagiert. Sie zog es vor ihre Aufmerksamkeit auf ihr Blackberry zu richten, um eine Kurznachricht zu verschicken. Diese Frau war einfach unmöglich!
„Mrs. Cullen?“, begann ich schließlich, als sie noch immer nicht ihren Blick von diesem verdammten Ding genommen hatte. Ich hatte wirklich Mühe meine Stimme ruhig zu halten. Am liebsten hätte ich geschrieen.
Ich bekam bloß ein kurzes „Hmm…“ zu hören, doch das war mir leider nicht genug, also begann ich von neuem. Mein Ton war dieses Mal jedoch etwas schärfer, als zuvor.
„Mrs. Cullen, ich würde sehr gerne mit ihnen - “ Weiter kam ich nicht.
„So gerne ich mir auch ihre kleinen Probleme anhören würde, Miss Swan, doch ich bin eine sehr vielbeschäftigte Frau und habe leider keine Zeit für so etwas. Was ich ihnen noch sagen wollte ist, dass ich aus geschäftlichen Gründen für einige Wochen nicht in den Staaten sein werde, deshalb wird mein Mann unsere Tochter in den kommenden Tagen hier abliefern und wieder abholen. Und jetzt muss ich wirklich los, meine Nägel lackieren sich nicht von allein. Einen schönen Tag noch.“ Ihre Stimme war abwesend, während ihr Blick gleichgültig auf mir lag.
Mit diesen Worten kehrte sie mir den Rücken zu und ließ mich einfach stehen, ohne sich überhaupt mein Anliegen angehört zu haben.
Tränen der Wut stiegen in mir auf, gepaart mit flammendem Zorn, der sich wie Gift durch meine Adern fraß. Noch nie in meinem ganzen - zugegeben noch sehr jungen - Leben, war ich einem Menschen begegnet der auf solch tragische Art und Weise blind war.
Ihre Tochter war dabei in ein tiefes Loch aus Trauer und Einsamkeit, zu stürzen und sie sah seelenruhig dabei zu, oder besser gesagt stieß sie förmlich hinein. Doch ich würde nicht einfach tatenlos danebenstehen. Ich würde nicht zulassen, das Gracie auch nur einen einzigen weiteren Schritt in Richtung Abgrund machte. Ich würde sie beschützen. Ich werde ihr Fänger im Roggen sein, schwor ich mir fest.
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