Sonntag, 26. Dezember 2010

Anfang

[Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt.]
Laotse
(historisch nicht fassbarer chinesischer Philosoph)

„Guten Tag, Miss Swan!“
Ich erschrak, als plötzlich eine laute, mir aber sehr wohl bekannte, Stimme an meine Ohren drang und ließ dabei einen Stapel Zeichnungen fallen, welche leise raschelnd zu Boden glitten.
Schnell bückte ich mich, um diese wieder aufzuheben. Wahrscheinlich etwas zu schnell, denn augenblicklich meldete sich das altbekannte Ziehen in meinem Rücken. Ich stöhnte schmerzvoll auf und rieb mir mit der freien Hand über meinen verspannten Nacken. Höchste Zeit Alejandro wieder mal einen kleinen Besuch abzustatten, dachte ich sehnsüchtig. Seit dem letzten Mal, als ich seine kräftigen und geübten Hände auf mir gespürt hatte, war einfach schon viel zu viel Zeit vergangen. Oh Gott … diese Hände! 
Konzentration, Bella!, ermahnte ich mich selbst. Um diese unwillkommenen Gedanken wieder loszuwerden, schüttelte ich kurz meinen Kopf und richtete dann meinen Blick auf den Eingang links neben mir. Wie ich bereits vermutet hatte, war es Mrs. Hannigan, die ihren Kopf durch die Türe steckte und mir nun ein entschuldigendes Lächeln schenkte.
 „Schön Sie zu sehen, Mrs. Hannigan! Kommen sie doch rein.“ Ich hatte ein freundliches Lächeln aufgesetzt und bedeutete ihr mit einer kleinen Handbewegung einzutreten.
Stephanie Hannigan war die unangefochtene Spitze meiner Lieblingsmütter hier im Kindergarten, denn jede Faser dieser Frau versprühte gute Laune - sie war einfach der totale Sonnenschein! Ihre strahlend, blonden Haare unterstrichen diesen Eindruck nur. Nun gut, wenn ich ehrlich war, lag ihre Beliebtheit bei mir zum Teil auch an ihren Backkünsten. Für ihre selbstgemachten Triple-Chocolate-Chip Muffins würde ich morden! Wie der Name vielleicht bereits erahnen ließ, waren diese Dinger so „Kalorienarm“, das man praktisch allein schon bei dem bloßen Gedanken an das Verspeisen dieser kleinen Versuchungen spüren konnte, wie sich einem das Fett auf die Hüften legte. Aber Gott, sie waren es wert!
Sehr zu meinem Leidwesen musste ich rasch feststellen,  dass sie dieses Mal keine dieser süßen Leckereien bei sich trug.
Verdammt!
Und dabei hätte ich nach der Szene heute Morgen, eine ordentliche Portion Zucker gebrauchen können.
Unwillkürlich schweiften meine Gedanken - mal wieder - zu Mrs. Meine-Nägel-Sind-Ja-Ach-So-Wichtig und mein Blick zu Gracie, die ruhig an einem Tisch saß und etwas malte. Das tat sie gern - malen. Es war ihre Art die Dinge, die sie beschäftigten und ihr auf der Seele lasteten,  zu verarbeiten. Ihre Stirn war dabei meistens in Falten gelegt und ihre Zunge hatte sie ein Stückchen weit herausgestreckt. Dieses Gesicht zog sie nicht nur beim Malen, sondern immer sobald sie sich konzentrierte oder angestrengt über etwas nachdachte. Es war eine ihrer alten, einfach zum anbeißen niedlichen, Marotten. 
In letzter Zeit war mir aufgefallen, dass sie seit kurzem nur noch Bilder von sich selbst zeichnete. Die Schauplätze wechselten zwar, doch sie blieb immer allein. Als ich sie darauf angesprochen und sie gefragt hatte, wo denn ihre Eltern seien, antwortete sie mir lediglich „arbeiten“. Augenblicklich waren mir heiße Tränen in die Augen geschossen und ein Klumpen, so groß, das er es mir schier unmöglich machte zu sprechen, hatte sich in meiner Kehle gebildet - ausgelöst von einem einzigen und eigentlich so harmlosen Wort.  
„Mommy!“
Noahs ohrenbetäubender Freudenjubel holte mich erfreulicherweise aus meinen trübseligen Gedanken - da sie mich sowieso bloß nur in tiefschürfende Depressionen gestürzt hätten - und beförderte mich wieder zurück ins Hier und Jetzt.
Mit weit von sich gestreckten Armen lief er schnell auf seine Mutter zu und stürzte sich dann mit solch einer Kraft auf sie, dass sie große Mühe hatte ihr Gleichgewicht zu halten und nicht rücklings auf dem Boden zu landen.
 „Nicht so stürmisch, Liebling! Du hättest Mommy beinahe umgehauen!“, rügte sie ihn sanft, als sie ihn in ihre Arme schloss. Ihr helles, glückliches Lachen schallte durch den Raum.
Ich konnte ein kleines Seufzen nicht unterdrücken, als mir klar wurde, dass Gracie diese kleine Szene eben, leider nicht entgangen war. Ihre Miene gab nicht viel von dem Preis, was sie fühlte.  Sie war regungslos. Ihre Augen jedoch sprachen Bände. Sie wirkten leer und stumpf, als sie denn beiden bei der innigen Umarmung zusah.
 „Und, Miss Swan? Irgendwelche Beschwerden?“, fragte Mrs. Hannigan mich dann - unnötigerweise, wohl gemerkt. Denn sie tat dies jedes Mal, und jedes Mal wieder verneinte ich.
Wie gewohnt winkte ich ab. „Machen sie sich keine Sorgen. Noah war großartig. Er hat heute beim Fußball sogar ein Tor geschossen!“
„Wirklich wahr?“ Ich kicherte leicht, als ich ihre ungläubige Miene sah. Ja, selbst in ihrer Stimme lag ein verblüffter Unterton. Ihre Verwunderung war jedoch mehr, als nur berechtigt, wenn man bedachte, das ihr Sohn in Punkto Tollpatschigkeit beinahe sogar mir das Wasser reichte. Und das sollte schon etwas bedeuten.
„Ja, Mommy! Und ich bin nicht hingefallen!“, verkündete er mit stolzer Stimme. Ein breites Lächeln, welches seine riesige Zahnlücke preisgab, zierte sein Gesicht.
„Das ist ja toll, Liebling! Du musst mir unbedingt alles auf der Heimfahrt erzählen!“, erwiderte sie enthusiastisch, woraufhin er eifrig nickte.
Sie stand wieder auf, nahm seine Hand und warf mir ein letztes, warmes Lächeln zu „Wir machen uns dann mal auf den Weg. Vielen Dank und einen schönen Abend noch!“
Kaum hatten sie den Raum verlassen, klopfte es schon wieder an der Tür. Dieses Mal war es jedoch nicht eine meiner Mütter, die den Raum betrat, sondern meine Kollegin Angela Weber.
 „Hey, Ang! Was gibt’s?“, fragte ich sie, obwohl ich mir eigentlich schon denken konnte, warum sie hier war, da sie bereits ihre Jacke und ihre Schuhe angezogen hatte.
Ich hatte Angela wirklich sehr gern. Uns trennten zwar knapp sieben Jahre - sie war bereits 26 Jahre alt-  doch waren wir uns in vielen Hinsichten sehr ähnlich; waren oft der gleichen Meinung. Wir beide gehörten eher zu der schüchternen Sorte Mensch, doch waren wir bereit für die, die uns am Herzen lagen, Berge zu versetzen. Und vor allem waren wir beide verrückt nach unseren Zwergen.
„Ich wollte dir nur mitteilen, dass ich meine kleinen Monster losgeworden bin und mich auf den Weg nach Hause mache. Meine anderen kleinen Monster warten bereits sehnsüchtig.“, bestätigte sie mir meine Annahme mit einem kleinen Zwinkern.  
Neben Zuneigung und Verbundenheit empfand ich für sie vor allem tiefe Bewunderung. Ihre Mutter verstarb bei der Geburt ihrer Zwillinge. Angela war damals erst 20 Jahre alt, dennoch hatte sie sich der beiden angenommen und kümmerte sich seitdem rührend um Joshua und Isaac. Was mit Mr. Weber passiert war, wusste ich nicht. Oder besser gesagt, nicht genau. Angelas Reaktionen auf ihn hatten in mir allerdings einen kleinen Verdacht hervorgerufen. Doch hatte ich mich nie so weit gebracht, sie nach ihm zu fragen. Er war einfach ein rotes Tuch für sie.
„Okay, dann bis Morgen. Ich bin dann auch gleich weg.“ Ich nickte mit meinen Kopf Richtung Gracie, gab ihr damit zu verstehen, dass mich nur noch Mr. Cullen warten ließ. Sie nickte und entschwand dann in das abendliche Seattle.
Mein Blick huschte kurz über die Zeiger der großen Winnie Puuh Uhr an der gegenüberliegenden Wand. Es war sechzehn nach fünf. Ich seufzte. Fünfzehn Minuten die uns der feine Herr schon warten ließ. Genervt schloss ich für einen kurzen Moment meine Augen und fuhr mir meiner Hand über mein Gesicht. Dieser Mann wusste wirklich wie man ein schlechtes Bild von sich machte.
Aus dem Augenwinkel heraus erhaschte eine Bewegung meine Aufmerksamkeit. Gracie! Sie versuchte doch gerade tatsächlich sich aus dem Raum zu schleichen! Was zum … ?
„Grace Elizabeth Cullen!“, rief ich ihr laut nach, wie ich dann realisierte etwas zu laut. Sie fuhr erschrocken zusammen und ich ohrfeigte mich gedanklich sofort dafür. Das Letzte was dieses Kind nun brauchte, waren harsche Worte.
Nur ganz zögerlich drehte sie sich mir zu, sah mich allerdings nicht an, sondern hielt ihren Blick starr auf ihre Füße gerichtet.
„Wo willst du denn hin, junges Fräulein?“, erkundigte ich mich. Dieses Mal jedoch achtete ich sorgsam darauf meine Stimme ruhig und sanft zu lassen.
„Nach Hause, Miss Swan.“, antwortete sie mir mit einem Gesichtsausdruck der so viel bedeuten sollte, wie „Wohin denn sonst du Doofie?“
Ich lachte bitter auf. „Alleine? Wohl kaum, kleine Grace.“
Was ging bloß in dem Kopf dieses Mädchens vor sich? Wusste sie denn gar nicht, wie gefährlich das war, selbst für uns Erwachsene, geschweige denn für Kinder? Hatten ihr ihre Eltern denn gar nichts beigebracht? Apropos Eltern …
 „Komm.“ Ich reichte ihr meine Hand. Doch anstatt diese zu ergreifen, blickte sie mich nur verwirrt an. Immer wieder glitt ihr Blick, welcher voller unausgesprochener Fragen war, zu meiner Hand und dann wieder zurück zu meinem Gesicht.
„Wie gehen deinen Daddy anrufen“, erklärte ich, meine Hand immer noch reichend.
Und dieses Mal ergriff sie sie. Ganz zaghaft legte sie ihre kleine, warme Hand in die meine. Unwillkürlich musste ich lächeln. Zwar war diese Geste nur ein winziger Schritt, nichts desto trotz war er von großer Bedeutung. Wie sagte man noch so schön? Jeder Schritt ist der Anfang einer meilenlangen Reise. Oder lautete das Sprichwort doch irgendwie anders? … Wie auch immer …
Hand in Hand verließen wir unseren Gruppenraum, den Hundertmorgenwald. All unsere Aufenthaltsräume hier im Kindergarten hatten nämlich ein bestimmtes Thema. Neben dem mir zugeteilten Hundertmorgenwald gab es noch das luftige Wolkenreich der Glücksbärchis, Atlantica, das ach so blaue Unterwasserreich in dem die kleine Arielle zu Hause war und zu guter letzt natürlich auch Heidi’s Alm, samt den vielen Ziegen und dem Ziegenpeter. Die restlichen Räume waren allesamt in verschiedenen, sanften Erdtönen gehalten, wahrscheinlich um zu verhindern, dass das Personal Amok lief. Denn all dieser Disney-Kram, so schön er auch sein mag, ging einem dann doch an die Substanz.
Vor dem Mitarbeiter- Raum machte ich halt. Etwas verwirrt hatte ich festgestellt, dass Gracie ihre Augen weit aufgerissen hatte. Sie wirkte schockiert. Hatte sie Angst? Und plötzlich machte es Klick! Natürlich, dachte ich und rollte innerlich mit meinen Augen. Den Kindern war es normalerweise strengstens verboten diesen Raum zu betreten. Nur mit größter Mühe schaffte ich es mein, sich anbahnendes, Kichern zu unterdrücken.
„Das bleibt unser kleines Geheimnis“, flüsterte ich ihr verschwörerisch zu und zwinkerte. Sie nickte eifrig und zum ersten Mal seit Wochen konnte ich sehen wie sich ein breites Lächeln auf ihre Lippen legte. Augenblicklich fühlte ich, wie mich eine Welle der Erleichterung durchflutete. Zu behaupten mir wäre ein Stein vom Herz gefallen, wäre eine maßlose Untertreibung. Ein verdammter Fels kam der Sache allerdings schon etwas näher.
Ich öffnete die Türe und trat ein. Der Raum war groß, war er doch Garderobe, Kochgelegenheit und Aktenverwahrung in einem. Er war jedoch im Vergleich zu den restlichen Räumen eher spärlich eingerichtet. Zwei große Aktenschränke, einige Spinde und eine kleine Küche samt einem großen Esstisch und zehn Stühlen waren alles, was an Inventar vorhanden war.
Mit einer schwungvollen Bewegung hob ich Gracie hoch, was ihr ein kleines Quicken entlockte, und setzte sie auf den großen Tisch.
„Du bleibst brav hier, während ich mit deinem Daddy rede, okay?“ Und wieder bekam ich nur ein kleines Nicken. Ich seufzte. Dieses Mädchen redet eindeutig zu wenig …
Gerade, als ich mich umdrehen wollte, um mir Gracies Akte zu holen, fiel mir ein großer Gegenstand auf der Küchenzeile auf. Ein Gegenstand der normalerweise nicht dort stand, mir aber doch nicht fremd war. Es war ein riesiger Korb voller Muffins - Triple-Chocolate-Chip Muffins, um genau zu sein. Vor dem Korb entdeckte ich auch eine kleine Notiz.
Sie haben doch nicht wirklich geglaubt ich käme ohne. Stephanie H.
Mrs. Hannigan! Diese Frau schickte der Himmel - Sie und ihre göttlichen Kreationen! Schon von dem Anblick lief mir das Wasser im Munde zusammen und von dem Geruch, der mir jetzt sanft in die Nase stieg, wollte ich erst gar nicht beginnen.
Um sicherzustellen, dass ich sie ja nicht vergas mit nach Hause zu nehmen, machte ich mir eine kleine gedankliche Notiz. Obwohl die Chancen höher standen, dass ich ohne Schuhe nach Hause gehen würde, als ohne diese Muffins.
Sicher ist sicher, dachte ich schulterzuckend.
Als ich die Nummer von Mr. Cullen kurze Zeit später dann hatte, holte ich meine Schlüssel aus der Hosentasche hervor, sperrte meinen Spind auf und zückte geschwind mein Telefon.
Ich wusste nicht welche Nummer ich zuerst anrufen sollte. Ob seine private Handynummer, oder die seines Arbeitsplatzes. Ich entschied mich dann letztlich für seine Private, da er wahrscheinlich gar nicht mehr bei der Arbeit war. Ich dachte, er könnte möglicherweise im Stau stehen und käme deshalb so spät. Es lag durchaus im Bereich des Möglichen. Der Verkehr in Seattle war um diese Zeit furchtbar.
Doch schon nach dem zweiten tuten sprang die Mailbox an. Mist! Mit einem genervten Stöhnen legte ich auf und tippte schnell die zweite Nummer, die er angegeben hatte in mein Handy ein. Eine andere Wahl blieb mir ja leider nicht.
Und ich hatte Glück. Schon nach dem ersten Läuten meldete sich eine Frau, die sich als Lauren Mallory vorstellte -  Mr. Cullens Sekretärin.
„Wie kann ich ihnen helfen?“
„Ähm … ja, nun ich würde gerne Mr. Cullen sprechen.“, erklärte ich ihr kurz. Ich scheiterte kläglich im Versuch locker zu klingen, meine Stimme zitterte leicht vor Nervosität. Und seltsamerweise fühlte ich mich auch ein wenig nervös. Doch auf das Warum konnte ich mir ehrlich gesagt keinen Reim machen.
„Tut mir leid, Miss. Mr. Cullen ist gerade in einem Meeting.“ Ihre sonore Stimme klang professionell und freundlich. Im Hintergrund konnte man sie auf einer Tastatur herum tippen hören.
Was zum … ? Hatte ich da gerade richtig verstanden? Meeting? Er versetzte seine Tochter und brach ihr das Herz wegen eines verdammten Meetings? Ich bemerkte, wie plötzlich meine Hand angefangen hatte zu zittern. Doch nicht aus anfänglicher Nervosität - oh nein! Sondern aus Wut. Was um Himmels Willen hatte dieses Mädchen getan um solche Eltern zu verdienen? Ich holte tief Luft, bemüht mich wieder zu beruhigen.
„Es ist aber wirklich dringend. Es geht um seine Tochter, Grace.“, versuchte ich es erneut. Ich hörte ihr leises Seufzen und für einige Momente verstummte das Geräusch der Tastatur.
„Ist sie verletzt?“, erkundigte sie sich. Leichte Sorge schwang in ihrer Stimme mit.
Was? „Verletzt? Nein … nein das ist sie - “
„Dann kann ich Ihnen leider nicht helfen, Miss … ?“
„Swan. Isabella Swan“, stellte ich mich etwas verspätet vor. Ich fühlte mich genauso wie ich klang: müde, erschöpft und ausgelaugt.
„Wären Sie dann vielleicht so freundlich Mr. Cullen etwas von mir auszurichten?“ Sein Name aus meinem Mund glich eher einer wüsten Beschimpfung.
„Aber natürlich, Miss Swan.“
„Gut. Bitte richten sie ihm aus, dass ich Grace mit zu mir nehme, da es Mr. Cullen wohl nicht als wichtig erachtet seine Tochter pünktlich abzuholen.“
Ich gab ihr noch schnell meine Adresse durch und legte dann auf. Wie soll ich das jetzt bloß Gracie mitteilen? Ich blickte über meine Schulter hinweg, kurz zu ihr hinüber. Wie ihr aufgetragen, saß sie immer noch still auf dem großen Tisch. Neugierig schweiften ihre Augen im Raum umher. Sie betrachtete alles ganz genau und schien förmlich  jedes noch so kleine und unbedeutende Detail aufzusaugen. Geräuschvoll stieß ich einen Schwall Luft aus meinen Lungen und fuhr mir nervös durch meine Haare. Mach schon, Bella. Bring es hinter dich!, forderte mich eine kleine innere Stimme auf. Ich straffte meine Schultern, setzte ein Lächeln auf meine Lippen und ging zurück zu ihr.   
„Was hältst du davon mit zu mir zu kommen?“ Ich entschied mich es einfach auszuspucken, anstatt hier ewig lang um den heißen Brei herum zu reden. Vor allem, weil ich mir dadurch erhoffte keine Fragen bezüglich ihres Vaters beantworten zu müssen.
Ich hätte es eigentlich besser wissen müssen, denn das Glück war eher selten auf meiner Seite. Es schien mich zu meiden. Genau wie jetzt auch.
„Kommt mein Daddy mich nicht abholen?“ Sehr zu meiner Verblüffung machte sie keinen allzu traurigen Eindruck auf  mich. Sie wirkte eher gefasst und irgendwie … resigniert. Fast so, als ob sie jegliche Hoffnung bereits aufgegeben hätte. Und das war, meiner Meinung nach, noch viel schlimmer.
„Noch nicht, Kleines“, antwortete ich ihr. „Er kommt dich später abholen. Und währenddessen kommst du zu mir. Ich mache dir etwas zu Essen und wenn du willst, kannst du mir dabei helfen. Wäre das okay für dich?“
Es kam mir vor, als wären bereits etliche Stunden vergangen, als sie mir endlich eine Antwort gab. Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie zur Bestätigung nickte. Auch ich konnte nicht anders, als wie ein Idiot vor mich hin zu grinsen. Wie hätte ich auch nicht können? Nach all der Zeit, in der sie so voller Trauer gewesen ist -  ich konnte die Male an denen sie in den letzten Tagen und Wochen gelächelt hatte an den Fingern einer Hand abzählen - war es einfach nur schön sie so zu sehen. Ich war mir durchaus im Klaren, dass sie noch lange nicht glücklich und ich somit auch  lange nicht noch an meinem Ziel war, aber es war ein Anfang.
Ich reichte ihr wieder meine Hand und vollbrachte innerlich sogleich einen kleinen Freudentanz, als sie sie dieses Mal ohne zu Zögern ergriff.
Ja, es war bloß der Anfang, doch es wäre wenig in der Welt unternommen worden, wenn man immer nur auf den Ausgang gesehen hätte.

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